Aktionen, Lebensqualität
Die Vorboten der Mobilitätswende
Eine künstlerische Kampagne in der Barnestraße
Wenn es in Deutschland um Mobilität geht, führt keine Diskussion am Auto vorbei. In der Barnestraße war das nicht anders. Das Auto wird geliebt, gehasst, gebraucht — oder steht im Weg. Genau das macht es zum allseits bekannten Symbol für Mobilität.
Dort setzten die Vorboten an. Mit minimalen gestalterischen und baulichen Eingriffen brachen sie mit dem Erwartbaren eines Automobils und stellten einen neuen Kontext her. Entstanden sind drei Entwürfe, die über die Barnestraße verteilt standen. Sie basierten auf den Wünschen und Sorgen der Anwohner*innen: Ein Auto buddelt sich ein, um Schulkindern nicht die Sicht zu nehmen. Ein anderes blüht förmlich auf bei dem Gedanken an mehr Grünflächen. Zwei weitere nehmen sich huckepack, um mehr Menschen zu kutschieren und dabei weniger Fläche zu verbrauchen.
Charakterstark und streitbar
Die drei Entwürfe hatten jeder ihren eigenen Charakter. Ängstlich, verspielt und selbstbewusst verkörperten sie Wünsche und Sorgen der Anwohner*innen. Sie polarisierten bewusst und machten sich streitbar — denn sie hielten das aus. Sie gaben keine Antworten vor, sondern stießen eine Diskussion an, die anschließend im BarneLAB geführt werden konnte.
Carsten zieht sich zurück
Gerade Schulkindern wird durch parkende Autos die Sicht erschwert. Carsten ist sich seiner Größe bewusst und versucht, sich so klein wie möglich zu machen.
„Oh Gott, ich habe es wieder getan. Eingegraben, tief im Boden. Die Fahrräder rasen vorbei, die Kinder lachen, und ich verstecke mich nur noch tiefer. Was, wenn ich ihnen im Weg stehe? Was, wenn ich ihre Sicht behindere? Was, wenn sie stolpern oder gar stürzen? Panik steigt auf, während ich mich in meine eigene Dunkelheit zurückziehe. Bitte, lasst mich unsichtbar sein, damit niemandem etwas passiert.“
Carlotta blüht auf
Carlotta freut sich, mehr Natur ins Quartier zu bringen. Denn wo ein Parkplatz ist, kann keine Grünfläche sein.
„Ach, herrlich! Die Sonne wärmt mein Dach, während ich hier auf meinem Lieblingsparkplatz stehe. Aber das Beste daran ist der Ausblick. Oh ja, die Grünflächen! Jeden Tag, wenn ich hier stehe, sehe ich sie wachsen und blühen. Es ist wie ein Gemälde, das sich langsam entfaltet. Als ob die Natur mir zuzwinkert und sagt: Genieße den Moment, Carlotta. Und genau das tue ich auch.“
Carina & Carlo im Huckepack
Gemeinsame Fortbewegung ist effizient, ressourcenschonend und platzsparend. Carina und Carlo haben sich zusammengetan, um mehr Menschen kutschieren zu können.
„Carlo, das bin ich. Der flotte Flitzer auf vier Rädern, aber ich träume größer, Freunde. Ich sehne mich danach, ein Bus zu sein, der Menschen durch die Straßen rollt. Ich will mehr! Mehr Platz, mehr Menschen, mehr Leben. Ich will der Held der Rushhour sein, der Star aller Pendler. Also lass uns Gas geben, Carina, und diesem Traum entgegenrasen.“
Die drei Vorboten im Film
Jede Installation hat ihren eigenen Monolog. Gesprochen, mit Bildern von dort, wo die Vorboten standen.
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Kreislauffähig und ressourcenschonend
Für die Vorboten wurden fast ausschließlich Alltagsgegenstände und Naturmaterialien verwendet. Die Autos stellte ein Wertstoffhof aus der Region als Leihgabe zur Verfügung; nach dem BarneLAB gingen sie dorthin zurück und wurden fachgerecht recycelt. Das machte die Kampagne kreislauffähig und ressourcenschonend — und den Bau aufwändiger, weil sich jeder Entwurf nach dem richten musste, was tatsächlich verfügbar war.
Hinter den Kulissen
Entstanden sind die drei in vier Wochen auf dem Baubetriebshof der Stadt Wunstorf, jede Installation ein Einzelstück. Am Anfang standen drei Rohlinge vom Wertstoffhof, die zuerst gereinigt und dann teilweise neu lackiert wurden — es ging nicht um Schönheit, sondern um Kontrast: Ein Auto, das aussieht wie jedes andere am Straßenrand, fällt niemandem auf.
Für Carlotta wurde ein Baum gesucht, und zwar nicht irgendeiner: Er durfte weder über die Breite des Fahrzeugs hinausragen noch die zulässige Höhe von drei Metern überschreiten. Bevor er eingepflanzt werden konnte, wurde das Auto begrünt — mit Sukkulentenmatten, wie sie sonst für Dachbegrünungen verwendet werden, besonders hitzeresistent, was auf einem Autodach im Juni kein Nebenaspekt ist. Ein grünes Netz sicherte die Matten.
Zum Schluss die schwierigste Übung: Carina und Carlo wurden zum Doppeldecker. Zwei Fahrzeuge, eines auf dem anderen, standsicher und ohne dass man dem Ergebnis die Statik ansieht.
Wie das aussah, zeigt ein kurzer Clip aus der Werkstatt.
Wer die Vorboten gebaut hat
Konzept und Entwurf: Lasse Schlegel. Ausführungsplanung und Umbau: Jan Schölzel, David Schwarzfeld, Elena Galuppo, Anna Kling. Fotografie: Jan Schölzel.
Die Vorboten der Mobilitätswende waren ein Projekt des Mobilnetzwerk Region Hannover gemeinsam mit der Stadt Wunstorf.
Worum es beim BarneLAB ging
Die Vorboten waren der Auftakt. Was danach in den Räumen des Wunstorfer Bauvereins passierte — drei Tage Werkstatt, 271 Rückmeldungen und drei Varianten für die Umgestaltung der Barnestraße — steht auf der Projektseite BarneLAB – die Zukunftswerkstatt in Wunstorf.
Warum eine künstlerische Intervention ein Beteiligungsverfahren überhaupt eröffnen kann, welche Regeln dabei gelten und was vorher zu klären ist, haben wir in Mehr Mut zur künstlerischen Intervention festgehalten.