
Kinder- und Jugendbeteiligung rettet die Demokratie… eine Nummer kleiner hatten Sie es nicht?
Gregor Dehmel (lacht) Ich bin tatsächlich überzeugt davon, dass wir die Legitimationslücken, die Schwächen unserer Demokratie nicht hätten, wenn Kinder und Jugendliche wüssten, wie und wo man sich einbringt. Wenn sie wüssten, was es für einen Wert hat, gemeinsam Lösungen für Probleme zu finden. Der Prozess beginnt schon früh, bei den ganz Kleinen.
Nämlich?
Gregor Dehmel Beim Mittagessen im Kindergarten. Das hat sich die BiKA-Studie vor einigen Jahren angeschaut. Zwei Zahlen haben mich sehr beeindruckt. 94% der Kinder können sich nicht aussuchen, welches Geschirr oder Besteck sie benutzen, also auch mal die Nudeln von einem flachen Teller essen, vielleicht auch mit der Gabel. 70% dürfen noch nicht mal die Farbe des Tellers oder des Lätzchens bestimmen. Das zieht sich durch. Dann werden sie sechzehn. Und plötzlich sagen alle, leg los, geh wählen, engagiere dich. Schließlich sei Demokratie, das Wichtigste überhaupt. Dabei haben diese Menschen tatsächlich nie Erfahrung damit gemacht.
Und deswegen haben Sie den Verein „Politik zum Anfassen gegründet“?
Gregor Dehmel Genau. Meine Frau und ich waren damals in der Kommunalpolitik, die uns unglaublich viel Spaß gemacht hat. Also gerade, was Selbstwirksamkeit angeht, und sich ausprobieren zu können. Wir haben damals wahrgenommen, dass dieser Spaß in der politischen Bildung nicht stattfindet. Und wir haben gedacht, es müsste etwas geben, wo man spielerisch politische Bildung erfährt, wo man auf Augenhöhe mit Rat und Verwaltung arbeiten kann. So haben wir 2006 den Verein gegründet. Anfangs als Hobby am Küchentisch. Dann haben wir uns entschieden, es größer zu machen. Aktuell sind wir 40 Leute, die das hier deutschlandweit von Hannover aus betreiben. 22 Bundesfreiwilligendienstleistende, vier Auszubildende und ganz tolle Teamleitungen.
Verstehe. Wie sieht es für Sie aus, wenn es gut läuft? Wie geht Befähigung zur Demokratie konkret?
Gregor Dehmel Es braucht zwei Dinge. Wissen und Wollen. Es braucht Bildung. Die jungen Menschen müssen wissen, worum es geht und wie sie sich einbringen können. Mir tun Kinder leid, wenn sie vor dem Rathaus demonstrieren, wenn Ratssitzung ist. Denkbar schlechter Zeitpunkt. Denn wenn das Thema im Rat ist, dann ist es vorbei. Die Demonstration müsste stattfinden, wenn Ausschusssitzung ist. Heißt, wirksam einbringen kann ich mich nur, wenn ich die politischen Abläufe kenne.
Guter Punkt. Und wie kriegen Sie das Wissen in die Köpfe der jungen Menschen? Ein Handout zur Kommunalpolitik wird kein Bestseller sein …
Gregor Dehmel (schmunzelt) Stimmt. Kommunalpolitik wird total unterbewertet. Dabei passieren hier alle Dinge, die direkt wehtun. Der Bus kommt nicht. Ich habe keinen Ort, mich zu treffen. Gerade für Kinder und Jugendliche ist die Kommune der Ort, wo sie sich beteiligen sollten. Da fangen wir an, spielerisch. Wie wird so eine Stadt regiert? Und alle sind total überrascht – dass alles, was draußen ist, irgendwie kommunalpolitisch ist.
Wie finden Sie die passenden junge Menschen für das jeweilige Projekt der Kommune?
Gregor Dehmel Oh, wir haben immer eine positive Auswahl von Menschen. Wir zwingen nämlich unsere Teilnehmenden in der Regel…
Wie bitte?
Gregor Dehmel Na, wir machen das mit Schülerinnen und Schülern. Wir nehmen uns die Institution Schule. Und die positive Auswahl besteht daran, dass ich Lehrerinnen und Lehrer habe, die irgendwie Lust auf dieses Thema haben. Auch wenn Mathe und Deutsch dafür ausfallen.
Was findet denn in der Schule statt?
Gregor Dehmel Wir führen in der Regel ein Planspiel durch. Die Teilnehmenden müssen dabei politisch denken und handeln. Wie finde ich Mehrheiten, welche Gepflogenheiten gibt es im Rat?
Okay, und woran merken Sie, dass die Befähigung zur Demokratie erfolgreich war?
Gregor Dehmel Ganz konkret sind es erstmal die glücklichen Gesichter der Kinder, wenn die in der abschließenden Ratssitzung sind. Ich erkenne aber, dass die Erfahrung, die die Beteiligten bei offenen Prozessen machen, in beide Richtungen wirkt. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als wären unsere Projekte für die Kinder und Jugendlichen. Aber die erste Zielgruppe sind die Erwachsenen, die Entscheidungsträger *innen in den Kommunen, die erleben, dass es auch anders gehen kann. Dass Jugendliche sich mit ihrer Umwelt auseinandersetzen und fundiert etwas dazu sagen. Und wenn dann die jungen Menschen mit ihren Ideen in die Sitzung gehen und die Umsetzung gelaufen ist, dann steht das Ratsmitglied vor dem Brunnen oder auf dem Seilplatz und denkt: „Hej, das war mein Team…“ Ich liebe diesen Moment, wenn ich ihn teilen darf.
Okay, wenn Beteiligung in den Schulen, bei den Kindern und Jugendlichen und offenbar auch nach einer erfolgreichen Umsetzung in der Politik für Freude sorgt, warum sieht das immer noch nach einem Exoten aus?
Gregor Dehmel Fakt ist, dass die Pflicht zur Beteiligung in der Kommune besteht. Denn im Grunde schreiben die Gemeindeordnungen vor, dass Kinder und Jugendlichen an allen Dingen beteiligt werden sollen, die ihre Interessen berühren. Und in einer Kommune gibt es, glaube ich, kein Thema, das nicht die Interessen von Kindern und Jugendlichen berührt. Also die Anforderung ist stets da. Doch diese wirklich umzusetzen, scheitert am Ego. Politikerinnen und Politiker tun sich schwer damit, Macht abzugeben. Ich kann das ein bisschen verstehen. Ich geh in die Kommunalpolitik, um etwas zu entscheiden. Und wenn ich das abgeben muss, dann habe ich gar nichts mehr. Beteiligen tatsächlich zu wollen, sehe ich als eine Frage der Haltung.
Blicken wir mal auf die Mobilität in den Kommunen. Ein Thema, das Ihnen in Ihrer Arbeit häufig begegnet?
Gregor Dehmel Mobilität ist für die Kinder und Jugendlichen in den Kommunen eines der absoluten Top-Themen. Im Grunde, weil Kinder und Jugendliche am meisten darunter leiden, wenn es nicht läuft. Weil sie – im Gegensatz zu den Erwachsenen – keine Alternative haben. Ihre Eltern setzen sich ins Auto, wenn es zwischen den Dörfern keine Busverbindung gibt. Kinder und Jugendliche sind auf den öffentlichen Personennahverkehr oder die Radinfrastruktur angewiesen. Diese Perspektive ist für die Entwicklung von tragfähigen Lösungen für eine bessere Mobilität sehr wertvoll.
Und, wie gehen Sie hier vor?
Gregor Dehmel Naja, das Projekt muss ich nicht etliche Jahre vorbereiten. Oft geht es um den Schulverkehr. Ich hole mir über die passende Schule die Kinder- und Jugendlichen ins Team und fahre mit ihnen beispielsweise morgens mit dem Fahrrad zur Schule. Damit sind wir mitten im Vor-Ort-Modus. Und dann geht’s an die Fragen. Was braucht ihr? Was würdet ihr machen, wenn ihr im Stadtrat oder im Gemeinderat wärt? Dabei arbeiten wir wieder mit unserem Planspiel.
Klingt nach einem Standardprozess, der im Grunde themenunabhängig funktioniert. Welche Tipps können Sie den Kommunen mitgeben, wenn sie Kinder und Jugendliche beteiligen wollen?
Gregor Dehmel. Nun, der einfachste Tipp ist schnell gegeben. Nämlich, einfach machen. Ich ermutige die Kommunen dringend dazu, die Beteiligung im Projekt einfach auszuprobieren. Kommunen brauchen nicht den großen Beteiligungsplan für die nächsten vier Jahre. Viel wichtiger ist es, Aktionen zu versuchen. Und sich zuzugestehen, auch zu scheitern. Scheitern ist nämlich kein Problem.
Sind die Kinder und Jugendlichen dann nicht sauer?
Gregor Dehmel Nein. Ich kann den Kindern zurückmelden, dass wir etwas ausprobiert haben – das dann nichts geworden ist. Das gehört zur Politik dazu. Ohne was gehen wir da nicht raus. Denn gemeinsam haben wir viel gelernt. Wenn ich den aufrichtigen Dialog zu den Kindern und Jugendlichen pflege, dann wird dort Verständnis entstehen.
Vielen Dank für das spannende Gespräch, Gregor Dehmel!