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„Eine erfolgreiche Transformation braucht mehr als die übliche Donnerstagsveranstaltung“

Ein Interview mit Sonja Rube von der USP Projekte GmbH, München

Wann wir es mit einer echten Transformation zu tun haben und wie wir diese erfolgreich umsetzen, darüber sprechen wir mit Sonja Rube, Impulsgeberin auf unserem Netzwerktreffen 2024.

Veränderung und Transformation stehen hoch im Kurs und wechseln sich im Dialog gefühlt zufällig ab. Ab wann ist eine Veränderung eigentlich eine Transformation?

SR (schmunzelt): Stimmt. Ganz viele Leute zweifeln daran, dass man den Begriff der Transformation überhaupt braucht. Sei ja wohl das gleiche wie Veränderung. Eben nicht. Von Transformation wird konkret dann gesprochen, wenn es um disruptive, also wirklich grundlegende, Veränderungen geht. Wenn kein Stein über dem anderen bleibt. Ich verbinde Transformation mit einer Kulturveränderung. 

Noch so ein Begriff, der fast inflationär verwendet, aber wenig verstanden wird. Können Sie es für das Thema Mobilität greifbar machen? Worum geht’s konkret, wenn wir hier von Kulturveränderung sprechen?

SR: Kulturveränderung entsteht, wenn wir den Umgang mit Dingen grundlegend ändern. Wenn wir anders gestalten, wie wir miteinander leben, miteinander arbeiten. Und eben auch, wie wir uns bewegen. Als Individuum und auch als Kollektiv. Und wie wir als Planende damit umgehen.

Eine Kulturveränderung in der Planung…wie stelle ich mir das konkret vor? 

SR: Naja, seit zig Jahren steht die Verkehrsplanung unter der Prämisse der Leichtigkeit für den Kfz-Verkehr. Fließender Kfz ist das oberste Gebot in unserer Kultur. Jetzt kommt durch die Novelle der Straßenverkehrsordnung Bewegung rein. Endlich zählen neben dem Kfz-Verkehr städtebauliche Argumente und Klimathemen. Jetzt können wir uns fragen, ob wir alternativ die Bahn- oder Radwege ausbauen – auch ohne den Schmerzpunkt, dass irgendwo ein Stau entstanden ist. Und auch in Kauf nehmend, dass die Leichtigkeit des Kfz-Verkehrs beeinträchtigt wird. Wenn sich hier Planungsroutinen ändern, sind wir mittendrin in einer Transformation.

Okay. Vermutlich entsteht eine solche Änderung in der Planungskultur nicht von allein. Was sind die drei Zutaten für eine erfolgreiche Transformation? 

SR: Ich sehe da mehr als drei. Zuallererst ist es eine Frage der Haltung. Wie gehen wir mit neuen Dingen um? Wie veränderungsbereit sind wir? Das hat zum einen etwas mit Mut zu tun. Zum anderen aber auch ganz konkret etwas mit Personen, die Veränderungsprozesse in die Hand nehmen. Mit Führung, die als Treiber fungiert. Zweite wichtige Zutat ist Partizipation, also Veränderung miteinander zu entwickeln und dadurch tragfähig zu machen. Dritte wichtige Zutat ist Kommunikation. Dialog aufrechterhalten, Verständnis zu den Motiven der Veränderung schaffen und Klarheit über die nächsten Schritte erzeugen. Und dann braucht es eine handfeste Intervention. Einen Paukenschlag. Sonst geht’s einfach nicht los. 

Was stelle ich mir denn unter einem Paukenschlag vor? 

SR: Ein Paukenschlag kann da draußen einfach passieren. Eine Hochwasserkatastrophe. Der Super-Gau eines Atomkraftwerks. Besser ist es, wenn wir es selbst in die Hand nehmen, bevor es passiert. Also eine Intervention so setzen, dass die Menschen irgendwie aufwachen, weil es sich komplett anders anfühlt. Das ist wichtig, weil sonst die Diskussion über das Neue erst gar nicht zustande kommt. Und so finde ich es, ehrlich gesagt, auch gut, wenn sich ganz viele Menschen über einen Punkt aufregen. Denn das ist ein Zeichen dafür, dass die Diskussion über die Zukunft begonnen hat. 

Okay. Menschen. Da sind wir beim Thema Beteiligung. Zutat Nummer 2. Worauf ist hier zu achten?

SR: Im Grunde geht es darum, die Bedarfe und Interessen der Menschen tatsächlich ernst zu nehmen. In den Dialog zu gehen, anstatt mit der Haltung reinzugehen, ich höre mir mal an, was die Bürgerinnen und Bürger zu sagen haben. Eine solche Anhörung bedeutet ja, dass ich alles aufnehme und dann nach Hause gehe und mir im stillen Kämmerchen überlege, was ich damit mache.  

In Ihrem Impuls auf unserem Netzwerktreffen haben Sie sogar von mehrdimensionaler Partizipation gesprochen. Was genau verbirgt sich dahinter?

SR: Hierbei geht es vor allem darum, zu realisieren, dass Partizipation kein punktuelles Ereignis ist – sondern ein Prozess, der über Jahre dauert. Insbesondere aus der Politik wird gern versichert, dass man die Bürger*innen beteiligen würde. Und dabei geht es dann oft um eine einzige Veranstaltung. Eine Veranstaltung, in der von der Bühne herab schlicht informiert wird. Zudem sollten wir die Menschen nicht durch immer gleiche Formate beteiligen. Der berühmte Donnerstagabend, 19 Uhr, eine Veranstaltung, zu der die immer gleichen kommen, hilft da nicht weiter. 

Sicher besser als gar nicht… Was sollte denn dazu kommen?

SR: Wir wollen möglichst viele Betroffene auf ganz unterschiedliche Art und Weise beteiligen. Abhängig von der Zielgruppe. Abhängig von der Projektphase. Eine Mischung aus Präsenz und digital. Eine Beteiligung gezielt ausgewählter Stakeholder-Gruppierungen oder gar Einzelpersonen, gemischt mit einer Art „Crowd-Beteiligung“, also einer Einladung aller. 

In Freising haben Sie diese mehrdimensionale Partizipation realisiert. Was lief dort besonders erfolgreich?

SR: Einerseits war es die zeitliche Dimension. Wir haben 2009 begonnen, direkt nach der Finanzkrise, in der es der Innenstadt von Freising sehr schlecht ging. Die Veränderungsbereitschaft war besonders hoch, alle hatten Angst um ihre Innenstadt. Und so fiel die Idee, etwas zu tun, auf fruchtbaren Boden. Heißt aber nicht, dass wir ein Konzept gebaut und Zustimmung eingefordert haben. Sondern wir haben mit den Bürgerinnen und Bürgern in höchst unterschiedlichen Gruppierungen erarbeitet, was entstehen soll. Und das in nicht weniger als 138 Beteiligungsveranstaltungen. Die Politik hat die notwendigen Ressourcen bereitgestellt und so Vertrauen in den Prozess geschaffen. So ist eine Dynamik entstanden, die kaum noch aufzuhalten war – und auch die nächste Wahl überstanden hat. 

138 Veranstaltungen. Da werden sicher viele Ideen zustande gekommen sein… Und dann? Alle umsetzen? 

SR (schmunzelt): Stimmt, wir hätten 500 Maßnahmen vorschlagen können. Aber Klein-Klein bringt uns nicht weiter. So haben wir mit der Stadtgesellschaft die wichtigsten 23 Maßnahmen identifiziert. Zwölf davon waren bauliche Projekte. Damit hatten wir eine überschaubare Anzahl wesentlicher, aber eben durchschlagender, Maßnahmen.

Gucken wir mal auf die Region Hannover. Was nehmen Sie wahr?  

SR: Oh, mir hat das Netzwerktreffen richtig viel Spaß gemacht. Das hat schon gezeigt, dass die Region wirklich dynamisch ist, und Lust hat auf Zukunft und Lust auf Veränderung. Die Kommunen sind engagiert in den Austausch gegangen, um Dinge gemeinsam anzugehen. Da sehe ich ganz viel Potenzial. Insbesondere mit dem Mobilnetzwerk gibt es eine großartige Plattform, Menschen zu verbinden, neu zu denken und den Prozess zu treiben.

Schön. Diese Energie halten wir gern. Gibt’s noch etwas, das Sie der Region mitgeben mögen?

SR: Ich habe den VEP als zielgebend wahrgenommen. Was als Motor für den weiteren Prozess hilft, ist ein echtes Zukunftsbild. Eine Vision. Dafür reicht so ein Programm meist nicht aus. Es braucht vielmehr ein starkes Bild – eines, das partizipativ entsteht und so die Menschen vereint. Falls das noch nicht auf dem Weg ist, wäre das mein Tipp.

Vielen Dank für das spannende Gespräch, Sonja Rube!

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