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“Das schulische Mobilitätsmanagement sollte ins Tagesgeschäft eingebunden sein. Immer.“

Ein Interview mit Fabian Marks vom Zukunftsnetz Mobilität NRW

Warum Schulisches Mobilitätsmanagement so relevant für Kommunen ist und dass es um mehr geht als einfach um eine Schulstraße, darüber sprechen wir mit Fabian Marks vom Zukunftsnetz Mobilität NRW.

Schulisches Mobilitätsmanagement ist ein Thema, das aktuell aus vielen Kommunen um die Ecke kommt. Warum ist es plötzlich so relevant?

FM: Naja, Kinder und Jugendliche sind diejenigen, die in 20 Jahren in den Kommunen maßgeblich mobil sein werden. Wenn wir also in punkto nachhaltiger Mobilität auf einen Konsens zusteuern wollen, dann ist diese Zielgruppe entscheidend.

Verstehe. Wir entwickeln also Ideen mit den Multiplikator*innen für zukünftige Mobilität?

FM: Genau. Doch es geht nicht nur um die Zukunft der Mobilität, sondern auch um ganz handfeste Themen, die den Kindern und Jugendlichen bereits heute helfen.

Nämlich?

FM: Da können wir ganz konkret mit Gesundheit anfangen. Ich zitiere gerne eine Studie vom Robert Koch Institut aus 2017. Da wird sich angeguckt, inwiefern Kinder und Jugendliche die von der WHO empfohlenen 60 Minuten Bewegung am Tag erreichen. Und im Jahr 2017 waren das nur 22,4% der Mädchen und 29,4% der Jungen. Damit steht ein Riesen-Argument für aktive Schulwege im Raum, mit denen sich schon eine Menge der 60 Minuten abhaken ließen. Und natürlich reden wir beim Schulumfeld auch über Sicherheit. Wir beobachten, wie Fahrzeuge irgendwie zurücksetzen oder unerwartet wenden. Der viele Verkehr vor den Schulen kann zu einem echten Risiko werden. Und was mich dabei selbst auch immer wieder berührt, ist sowas wie Eigenständigkeit.

Oh, ein Wert, den ich auch bei meinen Kindern ganz oben ansetze. Was bedeutet das für den Schulweg? 

FM: Ein aktiver Schulweg trägt dazu bei, sich mit seinem eigenen Wohnumfeld, seinem Schulumfeld, zu identifizieren, sich zu orientieren. Selbst erleben, was besonders gefällt und worum ich lieber einen Bogen mache. Kinder, die ihren Schulweg regelmäßig auf der Rückbank realisieren, sind am Ziel nicht nur müde, sondern haben auch eine eingeschränkte Wahrnehmung ihres Umfeldes. 

Unbedingt. Ist das ein regionales Thema, oder reden wir hier von bundesweiten Phänomenen?

FM: Ach, Elterntaxis sind überall ein Problem. Bundesweit. Sie sind ein ständiges Einfallstor, sich mit dem Thema Schulumfeld und Schulwegsicherheit zu befassen. Das erlebe ich immer wieder. Wie aktiv die Regionen damit umgehen, ist unterschiedlich. Wenn ich aufs Zukunftsnetz schaue, dann bespielen wir das seit mehr als zehn Jahren. In Baden-Württemberg ist man noch einen kleinen Schritt weiter. Hier wurde schulisches Mobilitätsmanagement richtig institutionalisiert. Heißt, dort gibt es mit dem Schulwegplaner-BW einen konkreten Standardprozess, den Schulen angehen können, wenn sie Bedarf haben. 

Okay. Wo sehen Sie den konkreten Hebel für ein besseres Schulumfeld? 

FM: Im Grunde geht’s auch hier wieder um das Durchbrechen von Routinen. Es geht darum, erwachsene Menschen davon zu überzeugen, etwas an ihren Prozessen zu ändern. Ich höre von Eltern oft, dass es effizienter ist, wenn sie das Kind morgens auf dem Weg zur Arbeit mit dem Auto mitnehmen und vor der Schule absetzen. Das sei eben zeitsparender. 

Leuchtet erstmal kurz ein…

FM: Ja, kurz… Aber wenn wir die Perspektive mal umkehren und dafür sorgen, dass unsere Kinder ihren Schulweg allein zurücklegen, dann schaffen sie es am Nachmittag zum Sport vielleicht auch. Und, zack, haben wir hier schon eine konkrete Zeitersparnis. Dafür braucht es sehr viel Überzeugungsarbeit und eine fortwährende Kommunikation mit den Eltern. Das ist ganz, ganz wichtig. Wir müssen sie mitnehmen und uns nicht davon abschrecken lassen, dass es – wie immer – auch Widerstand geben wird. 

Heißt konkret?

FM: Brechen wir es mal runter auf eine Kommune, auf eine Schule. Da holen wir uns nicht einfach ein Planungsbüro für eine Bestandsaufnahme, erarbeiten ein Konzept, empfehlen Maßnahmen und fertig. Vielmehr ist das eine fortwährende Kommunikationsaufgabe. Jedes Schuljahr sollte es beispielsweise einen sogenannten nullten Elternabend geben, in dem wir das Erwartungsmanagement für das Schulumfeld deutlich machen. Und Schulwegpläne verteilen. Klar, dass schulisches Mobilitätsmanagement eben nicht ohne die Schulen funktioniert. Aber auch die Verwaltung kann wesentlich zum Gelingen beitragen. 

Verwaltung und Gelingen… das wird ja nicht zwingend zusammen genannt… 

FM: (schmunzelt) Verwaltungen können Dinge tatsächlich gut anpacken. Mein Lieblings-Klassiker ist beispielsweise das Unsicherheitsempfinden der Eltern. Eltern kritisieren immer wieder, dass der Schulweg unsicher ist, dass es beispielsweise keinen Gehweg gibt. Und dann bin ich vor Ort und stehe in einem verkehrsberuhigten Bereich – in dem laut STVO gar kein Gehweg vorgesehen ist. Heißt, wir sind wieder bei einer Kommunikationsaufgabe. Eine, die die Verwaltung Eins A wahrnehmen kann. Die Verwaltung hat es jedoch auch in der Hand, die konkreten Probleme anzusprechen, sie zu beheben und die Infrastruktur kindgerecht gestalten. Nicht mehr und nicht weniger. 

Klingt nach einem guten Hebel. Was braucht es dafür in der Verwaltung?

FM: Was wir stets empfehlen, ist, alle an einen Tisch zu holen. Ganz physisch. Wir arbeiten dabei in mehreren Stufen. Zuallererst müssen wir die Verwaltung mit ihren vielen unterschiedlichen Fachbereichen wie Straßenverkehrsbehörde, Mobilitätsmanager oder Schulamt sensibilisieren. Also das Thema fachbereichsübergreifend reinbringen. Und dann den Tisch um die Schulen erweitern. Und zwar zuerst mit denen, die Lust und Kapazitäten haben.

Und wer sitzt dann am großen Tisch?

FM: Die Verkehrsplanung, den Tiefbau, die Straßenverkehrsbehörde, die Polizei, die Schule, eine Elternvertretung, vielleicht auch eine Vertretung der Schülerinnen und Schüler. Und dann gemeinsam die neuralgischen Punkte im Schulumfeld ablaufen und darüber in den Dialog gehen. Wenn die verschiedenen Perspektiven beieinander sind, dann spielen wir nicht über Bande, sondern sprechen direkt über die Optionen, die gewollt und möglich sind. Insbesondere, wenn die Kinder und Jugendlichen mit am Tisch sitzen, dann sprechen die mit, die genau dort sicher und attraktiv mobil sein wollen. 

Was in der Planung schnell um die Ecke kommt, ist die Schulstraße. Wie bauen wir die erfolgreich?

FM: Oh, da ist es wichtig, gedanklich einen Schritt zurückzugehen. Es geht nie zwingend um die Einrichtung einer Schulstraße. Es geht um ein besseres Schulumfeld. Die Schulstraße kann dabei ein Instrument sein. Muss aber nicht. Wenn wir die Schulstraße als Selbstzweck angehen, dann haben wir einfach nur eine Verkehrsverlagerung auf andere Straßen. Es geht nicht darum, das Problem zu verlagern, sondern die Zahl der Autos effektiv zu verringern.

Okay, dann frage ich nochmal mit einem Schritt zurück. Wie lässt sich ein besseres Schulumfeld gestalten?

FM: Es braucht den Kontext. Was wollen wir vor Ort erreichen? Und was ergibt sich daraus für ein Veränderungsbedarf? Und dann die Akteur*innen auf dem Weg an die Hand nehmen. Begehungen vor Ort, Dialogangebote, Verkehrserziehung und Mobilitätsbildung. Die Schulstraße kann gut zum Ausprobieren und Lernen dienen. Mal einen Tag lang. Und zwar an einer Schule, wo der Problemdruck besonders groß ist und die Lust darauf hat. So können wir sehr niedrigschwellig beginnen und die Option mal testen. Wir laden alle relevanten Akteur*innen ein, nehmen die Anwohnenden dazu und sprechen über die Verkehrssituation an der Schule. Und nach diesem Probiertag ist vielleicht die Tür ein Stück weiter offen, um gemeinsam größer zu denken.

Mal abgesehen von der Schulstraße, welchen konkreten Tipp können Sie den Kommunen für diesen Weg mitgeben? 

FM: Im Grunde drei Tipps. Denkt die Mobilität von Kindern und Jugendlichen mit. Immer. Bei der Planungsarbeit. Bei Umbruchsituationen, wie beispielsweise einem Schulneubau. Das schulische Mobilitätsmanagement sollte ins Tagesgeschäft eingebunden sein. Und, vergesst mir die Lehrkräfte nicht. Die werden oft in solchen Prozessen außen vorgelassen. Dabei haben die Lehrkräfte eine ganz wichtige Vorbildfunktion. Der sogenannte Lehrerparkplatz ist bei ganz vielen Schulen quasi gesetzt, das hinterfragt niemand. Und nutzt Austauschplattformen. Der interkommunale Austausch ist ein ganz wichtiger Hebel in der Bewältigung von Problemen. Netzwerke, wie das Mobilnetzwerk der Region Hannover spielen dabei eine ganz wesentliche Rolle.

Vielen Dank für das spannende Gespräch, Fabian Marks!

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